… denn sie wissen nicht, was sie tun.
Wenn es um Faszien geht, scheint eines grenzenlos zu sein:
die Fantasie der Tool-Hersteller.
Faszienrolle, Faszienrad, Faszienball, Massagepistole, Faszienernährung – wer heute „Faszie“ sagt, bekommt wahlweise Plastik, Marketing oder beides. Und leider hat dieser Hype inzwischen auch die Pferdewelt erreicht.
Zeit also, mit einem Lächeln – und etwas Klartext – über Pferd, Faszienrad, Faszienrolle und andere Tools zur Faszienbehandlung zu sprechen.

Ein Scherz? Oder einfach ein Missverständnis?
Mein persönlicher Einstieg in dieses Thema war… sagen wir: lehrreich.
Als mir eine Bekannte voller Überzeugung ein gezacktes Metallrad zeigte und erklärte, sie habe gelernt, damit die Faszien ihres Pferdes zu behandeln, war ich mir sicher:
Das muss ein Scherz sein.
War es nicht.
Ich bin seit 2007 Faszien Therapeut und habe den kompletten Faszien-Zirkus beim Menschen miterlebt – inklusive Rollen, Bällen, Pistolen und Übungen, bei denen man sich in steife Positionen begibt, um „beweglicher“ zu werden. Dass dabei die individuelle Struktur eines Körpers ignoriert wird, scheint niemanden zu stören.
Dass man viele relevante Faszienstrukturen mit einer Rolle überhaupt nicht erreicht – ebenfalls egal.
Und so war ich kaum überrascht, als ich feststellte:
Bei der Faszienbehandlung von Pferden werden die gleichen Fehler gemacht wie beim Menschen – nur schlimmer.
Warum Faszienrad und Faszienrolle beim Pferd mechanisch unsinnig sind
Um zu verstehen, warum Faszienrad und Faszienrolle beim Pferd keine gute Idee sind, hilft ein kurzer Blick auf die Grundlagen.
Faszien bestehen aus mehreren Schichten, die:
• dicht beieinanderliegen
• gegeneinander gleiten müssen
• und auf Bewegung angewiesen sind.
Kommt es durch Bewegungsmangel, einseitige Belastung oder Schonhaltung zu sogenannten Crosslinks (ungeplanten Querverbindungen zwischen Faszienschichten), wird Bewegung schlechter, Kraft geht verloren und Koordination leidet.
Die Aufgabe eines Faszien Therapeuten ist es nun:
• diese Schichten zu erspüren
• sie gezielt gegeneinander zu verschieben
• oder die Faszie in ihrer Länge zu verändern.
Und genau hier scheitern Tools grandios.
Was Rollen und Räder mit Gewebe wirklich machen (Spoiler: nicht viel)
Eine Rolle kann nur eines:
lokal Druck nach unten erzeugen.
Was sie nicht kann:
• Gewebe dehnen
• Schichten gegeneinander verschieben
• individuelle Spannungsqualitäten erspüren
Im besten Fall wird der Lymphfluss etwas angeregt. Bei Rollen mit Rillen nicht einmal das – da verschwindet die Lymphe einfach zwischen den Zähnen.
Das Faszienrad mit Zahnkranz ist dann die logische Steigerung des Unsinns:
Viele kleine Druckpunkte auf einer Linie – ohne Dehnung, ohne Differenzierung, ohne Wirkung.
Aber es sieht martialisch aus. Und das reicht offenbar.
Warum Feingefühl wichtiger ist als jedes Tool
Faszien sind nicht überall gleich.
Sie unterscheiden sich in:
• Dicke
• Elastizität
• Belastbarkeit
Je nach Körperregion, Trainingszustand, Rasse und Stresslevel braucht es unterschiedliche Reize. Das kann nur ein geschulter Mensch fühlen – mit Händen, Armen und einem funktionierenden Nervensystem.
Wer Werkzeuge benutzt, verzichtet freiwillig auf das wichtigste Instrument überhaupt:
Wahrnehmung.
Und nein:
Dass ein Pferd gähnt oder entspannt wirkt, ist kein Beweis für Wirksamkeit.
Das tut es auch, wenn Sie danebenstehen, ruhig atmen oder ihm kosmische Energie schicken. Letzteres ist zumindest ungefährlicher für das Gewebe 😉
Ohne System keine Nachhaltigkeit
Ein weiterer Irrweg:
„Einfach überall mal rollen.“
Ja, Faszien durchziehen den ganzen Körper.
Aber Veränderungen bleiben nur dann bestehen, wenn sie sofort in bessere Bewegung integriert werden.
Deshalb arbeiten wir im Senmotic mit:
• klar aufgebauten Sitzungen
• einer festen Reihenfolge
• gezielter Gymnastizierung und Reitarbeit
So passt sich das Fasziennetz dauerhaft an – und genau darum geht es.
Warum sind Tools trotzdem so beliebt?
Zwei Gründe. Beide sehr menschlich 😉
1. Geld
Plastikrollen lassen sich unbegrenzt verkaufen. Behandlungen nicht.
2. Faulheit
Echte Faszienarbeit ist Arbeit.
Sie erfordert Körperhaltung, Kraft, Konzentration und Gefühl.
Rollen kann jeder. Den ganzen Tag. Auch ohne Sinn und Verstand.
Und jetzt?
Falls Sie bisher mit Faszienrolle oder Faszienrad am Pferd gearbeitet haben:
Keine Panik. Wahrscheinlich haben Sie nichts kaputt gemacht – und Ihrem Pferd einen netten Wohlfühlmoment beschert. Das ist ja auch etwas.
Wenn Sie sich jedoch ernsthaft für Faszientherapie beim Pferd interessieren, dann:
• lernen Sie zu fühlen
• lernen Sie Struktur zu lesen
• lernen Sie mit Ihren Händen zu arbeiten
Kluge Menschen brauchen keine Tools.
Sie haben Arme. Und Hände. 😉
Oder möchten Sie gerne lernen, wie es man mit Feingefühl und System grösste Wirkung erzielt? Dann empfehle ich die Berufsausbildung hier!
