Myofasziale Leitbahnen für Pferde – schöne Bilder, falsche Versprechen

Oder: Warum Faszien keine Eisenbahnschienen sind.

 

Wer sich mit Faszien beschäftigt – beim Menschen oder beim Pferd – stolpert früher oder später über ein sehr eingängiges Konzept: Faszienleitbahnen. Oder moderner formuliert: myofasziale Leitbahnen für Pferde.

 

Vorderleitbahn, Rückleitbahn, Spiralleitbahn – alles sauber gezeichnet, logisch benannt und herrlich einfach zu verstehen. Ein Traum für PowerPoint-Folien, Lehrgänge und Instagram-Grafiken.

 

Doch wie so oft stellt sich die entscheidende Frage:

Macht das auch Sinn?

 

Woher kommt die Idee der Faszienleitbahnen?

Geprägt wurde das Konzept der sogenannten Anatomy Trains von Thomas Myers in seinem gleichnamigen Buch „Anatomy Trains“. Das Buch ist gut geschrieben, hervorragend illustriert – und ohne Frage inspirierend.

 

Genau hier liegt aber auch das Problem:

Die Idee der Faszienleitbahnen wurde in vielen Disziplinen ungeprüft, unkritisch und unhinterfragt übernommen.

 

Und so:

• dehnt man beim Yoga plötzlich Faszien-Yoga Leitbahnen

• trainiert die Faszienfitness Leitbahnen

• behandelt die Faszientherapie – beim Menschen wie beim Pferd – Leitbahnen

 

Die schöne Grafik wurde zur vermeintlichen Realität erklärt.

 

Faszien sind ein Netz in 3D – kein Streckennetz

Faszien Leitbahnen in einer Orange
Faszien sind überall - da kann man beliebig viele Leitbahnen "anatomisch beweisen"

Was jeder weiß (und was sich mit einem einfachen Hühnchen-Sezierexperiment überprüfen lässt 😉):

Faszien bilden ein durchgehendes Netz, das alles mit allem verbindet.

 

Wenn also alles mit allem verbunden ist, kann man:

• jede gewünschte Verbindung herauspräparieren

• ihr einen Namen geben

• und sie anschließend lehren, trainieren oder behandeln

 

Mit etwas Fantasie lassen sich also nicht nur eine Vorder- oder Spiralleitbahn finden, sondern praktisch beliebige Bahnen.

 

Ich habe das übrigens in jahrelanger Forschung 🤪 auch an Orangen erfolgreich getan. Vorderleitbahn, Spiralleitbahn – alles drin. Jüngste Entwicklungen deuten sogar auf die Existenz einer Donald-Trump-Leitbahn hin 😅.

 

Warum das lebende Gewebe nicht so funktioniert

Wer Faszien einmal in vivo gesehen hat – also lebendes Gewebe in Bewegung – weiß:

Die Realität ist chaotischer, dynamischer und vielschichtiger als jedes Leitbahnmodell.

 

Sehr empfehlenswert ist hier das Buch „Faszien – Architektur des menschlichen Fasziengewebes“ von Jean-Claude Guimberteau. Er hat nicht erst Modelle entworfen, sondern hingeschaut, wie sich Gewebe tatsächlich bewegt.

 

Interessanterweise findet sich dort im Kapitel „Gewebekontinuität“ sogar ein Kommentar von Thomas Myers selbst, der – zwischen den Zeilen – erkennen lässt, dass sein Leitbahnmodell eher ein didaktisches Hilfsmittel als eine funktionelle Wahrheit ist.

 

Myofasziale Leitbahnen für Pferde – bewegungslogisch problematisch

Die an der Aufrichtung des Körpers beteiligten Muskeln halten sich nicht an die Leitbahnformel - arbeiten aber gemeinsam!
Die an der Aufrichtung des Körpers beteiligten Muskeln halten sich nicht an die Leitbahnformel - arbeiten aber gemeinsam!

Auch aus Sicht der Bewegungslehre sind Leitbahnen wenig hilfreich.

 

Ob Reiten, Kampfkunst, Tanz oder Alltag:

Bewegung entsteht nicht entlang gerader Linien. Die relevanten Muskel- und Spannungsmuster verlaufen zickzackförmig durch den Körper.

 

Die zentrale Lernaufgabe lautet überall gleich:

👉 Bewegung entsteht durch Loslassen.

 

Und genau dieses Loslassen lässt sich nicht entlang vorgezeichneter Bahnen erzwingen.

Warum Leitbahnen der Faszientherapie sogar im Weg stehen

In der Faszientherapie gelten klare Prinzipien. Eines der wichtigsten – auch für Laien leicht verständlich – lautet:

 

Beuger vor Strecker.

 

So wie man vor dem Losfahren die Handbremse löst, muss man vor jeder Verbesserung der Aufrichtung die Beuger lösen, bevor man an die Strecker geht.

 

Ein klassisches Beispiel:

• Ein geschmeidiger Rücken ist nur möglich,

• wenn der gerade Bauchmuskel nicht dauerhaft spannt und fixiert.

 

Wer zuerst den Rücken „bearbeitet“, ohne die Vorderseite zu lösen, ersetzt nur:

 

„angespannte Vorderseite“

durch

„angespannte Vorderseite und verspannte Rückseite“ 😉

 

Ein kleiner Selbsttest

Kreise dein Becken ganz entspannt.

Spanne dabei bewusst den Bauch an – und beobachte, was passiert.

 

Die Bewegung wird sofort:

• steif

• eckig

• unkoordiniert

 

Erst wenn der Bauch wirklich loslässt, wird die Bewegung fein, rund und geschmeidig.

So einfach – und so wenig leitbahntauglich.

 

Warum die Theorie der faszialen Leitbahnen dem Tensegrity-Modell widerspricht

Tensegrity oder myofasziale Leitbahnen? Man muss sich entscheiden!
Tensegrity oder myofasziale Leitbahnen? Man muss sich entscheiden!

Besonders widersprüchlich wird es dort, wo gleichzeitig von Tensegrity und von faszialen Leitbahnen gesprochen wird. Denn das Tensegrity-Modell beschreibt den Körper ausdrücklich nicht als System linearer Zugbahnen, sondern als ein dreidimensionales Spannungsgefüge, in dem Struktur nur im Zusammenspiel von Zug und Druck entsteht. Die Faszien liefern dabei die tension, die Knochen die integrity. Erst gemeinsam ergibt sich Stabilität, Form und Beweglichkeit. Eine isolierte „Leitbahn“, die unabhängig durch den Körper verläuft, existiert in diesem Modell schlicht nicht. Wer also von Tensegrity spricht und gleichzeitig fasziale Leitbahnen behandelt, widerspricht sich selbst – oft ohne es zu merken. Er reduziert ein räumlich-dynamisches System auf zweidimensionale Linien und verliert genau das aus dem Blick, was Tensegrity eigentlich meint: Struktur entsteht nicht entlang von Bahnen, sondern aus dem globalen Spannungszustand des gesamten Systems. Dass dieser Widerspruch von vielen selbsternannten „Experten“ nicht bemerkt wird, ist weniger ein Zeichen von Tiefe als von unkritischer Übernahme hübscher Begriffe.

 

Fazit: Myofasziale Leitbahnen für Pferde – nette Idee, keine Lösung

Faszienleitbahnen sind ein anschauliches Modell.

Mehr aber auch nicht.

 

Bewegung, Haltung und Spannung sind zu komplex, um sie auf ein paar Linien zu reduzieren – beim Menschen genauso wie beim Pferd.

 

Was es stattdessen braucht:

• Gefühl für Bewegung

• einen geschulten Blick für Festhalten

• und die Bereitschaft, am eigenen Körper zu lernen

 

Denn für uns Therapeuten gilt:

 

Man kann nur weitergeben, was man selbst hat.

 

Wer nicht selbst an seiner Bewegungsqualität arbeitet, wird sie auch beim Pferd nicht erkennen – geschweige denn verändern.

 

Abkürzungen gibt es leider keine.

Aber genau das macht diese Arbeit ehrlich.