In meinen 20 Jahren Berufserfahrung als Faszientherapeut ist viel passiert. Vor allem freue ich mich darüber, wie viel Aufmerksamkeit dieser manuellen Therapie inzwischen zuteil wird und wie viele Menschen – und Tiere – nun endlich von dieser hocheffektiven Behandlungsmethode profitieren können.
Mit steigendem Bekanntheitsgrad entstehen natürlich auch viele Methoden und Produkte, die sich zwar auf das fasziale System berufen, mit Faszientherapie aber nichts zu tun haben: Stichwort Faszienrollen, Faszienräder und Faszientraining. Ob diese “Blüten” eher auf der Inkompetenz ihrer Erfinder oder deren Geschäftssinn beruhen, darf jeder für sich entscheiden.
Die neue Sau, die derzeit durchs Dorf der Reiter getrieben wird, heißt nun Tensegrales Training oder Tensegrity Training fürs Pferd. Und es stellt sich die Frage: Wenn (manuelle) Faszien so wichtig für die Bewegungsfreiheit des Pferdes sind, müssen wir sie dann speziell trainieren?
Wer solche Fragen stellt oder spezielles Faszientraining anbietet, vergisst leider oft:
Jedes Training ist Faszientraining. Jede Belastung, jede Ruhephase, jeder Moment des Lebens ist ein Moment, in dem sich das Fasziengewebe der Belastung entsprechend umbildet und formt. Die Frage ist eher, ob das Training auch sinnvoll ist.
Bewegung in Faszien, Muskeln, Knochen und neuronale Bestandteile zu zerlegen, macht keinen Sinn, da Bewegung nur im Zusammenspiel entsteht. Dem Pferd ist es völlig egal, ob der Mensch gerade denkt, dass er an den Faszien, den Muskeln oder etwa dem Koordinationsvermögen arbeitet. Alle diese Systeme sind immer in Aktion und werden immer trainiert.
Also reduziert sich die Frage darauf, ob das Training zum Pferd und seinem Ausbildungsstand passt.
Ein Beispiel von außerhalb der Pferdewelt macht dies einfach klar. Seit Jahrtausenden wirft der Mensch auf genau die gleiche Art einen Stein. Es macht dabei überhaupt keinen Unterschied, in welchem Jahrtausend er dies tut: Wenn er den Stein möglichst weit werfen möchte, ist die Bewegung von der Biomechanik und der Physik einfach vorgegeben. Jetzt zählt nur noch, dass der Mensch immer wieder übt, die Bewegung möglichst perfekt auszuführen. Das Wissen um Faszien ändert zunächst gar nichts daran.
Das Gleiche gilt natürlich fürs Reiten. Wie das Pferd den Reiter gesundheitserhaltend tragen kann, ist keine Ansichtssache, sondern ebenfalls von der Natur vorgegeben und wird sich auch nicht ändern, solange sich Mensch und Pferd in der Schwerkraft bewegen wollen.
Und auch wenn die Wege unterschiedlich gewichtet sein mögen, so streben doch alle Schulen des Reitens danach, dieses von der Natur vorgegebene Reiten auszubilden. Mir ist jedenfalls kein Reitstil bekannt, auf dem ein Pferd mit festem und überstrecktem Rücken den Reiter dauerhaft gesund tragen soll. (Auch wenn man damit offensichtlich trotzdem tolle Medaillen gewinnen kann.)
Von daher streben alle Schulen – egal ob FN, Oliveira, Akademisches Reiten, Western oder andere – auf ihre jeweils eigene Art nach dem gleichen, von der Natur vorgegebenen biomechanischen Ziel. Daher ähneln sich auch die gymnastikzierenden Übungen unabhängig von der Reitweise. Wie etwa das Schulter-Herein.

Und auch der Körper funktioniert immer nach dem Tensegrity-Prinzip, völlig unabhängig davon, ob dem Menschen dies bewusst ist.
Viele Menschen, die sich mit diesem Prinzip befassen, kommen allerdings zu Schlussfolgerungen, die ich für problematisch halte, und verbreiten diese dann auch noch weiter.
Irrtum N°1. Es gibt Faszienleitbahnen
Viele sprechen von sogenannten Faszienleitbahnen, als seien diese klar voneinander abgegrenzte Strukturen. Gleichzeitig wird erklärt, dass im Bindegewebe alles mit allem verbunden sei und sich durch den gesamten Körper ziehe. Dass diese beiden Aussagen nur schwer zusammenpassen, dürfte auch dem Laien auffallen.
Oder anders ausgedrückt: Es gibt nicht eine, sondern unendlich viele mögliche Kraft- und Spannungsverläufe im Körper.
Ihr könnt das auch gleich einmal an Euch selbst erspüren: Macht eine Wurfbewegung in Zeitlupe und variiert dabei den Stand, die Wurfrichtung oder das Wurfobjekt. Wenn Ihr tief in Euren Körper hineinfühlt, werdet Ihr wahrnehmen, dass sich die Körperspannung jedes Mal subtil verändert. Das ist auch logisch: Anderes Problem, andere Lösung.
So könnt Ihr mit dieser einfachen Übung innerhalb von zwei Minuten mehr mögliche Kraftlinien entdecken als jedes Tensegrity-Training jemals beschreiben könnte. Oder Ihr kommt zu der Erkenntnis, dass es letztlich nur “die Faszie” gibt – ein einziges zusammenhängendes Netzwerk.
Irrtum N°2. Es gibt keine Hebel im Pferdekörper
Diese verrückte Behauptung hört man immer mal wieder. Dabei ist der Körper voller Hebel: Jeder Knochen stellt einen Hebel dar.
Das ist übrigens bereits im Begriff Tensegrity enthalten: Tension steht für die Spannung des Bindegewebes, Integrity für die stabilen Knochen. Tensegrity beschreibt gerade das Zusammenspiel dieser Elemente und die Erkenntnis, dass Veränderungen an einer Stelle Auswirkungen auf den gesamten Körper haben.
Wer nun aber glaubt, diese Erkenntnis setze das physikalische Gesetz der Hebel außer Kraft, darf gerne einmal seine Putztasche mit ausgestrecktem Arm auf Brusthöhe über den Hof tragen, statt sie locker neben der Hüfte hängen zu lassen.
Irrtum N°3. Die Faszien müssen speziell tensegral trainiert werden
Wie bereits erwähnt, findet Faszientraining rund um die Uhr statt – ob wir es wollen oder nicht.
Faszien lieben Quantität und Qualität. Das heißt: Wir und unsere Pferde müssen uns viel bewegen und uns möglichst gut bewegen. Das Etikett “Faszientraining” hingegen ist den Faszien völlig egal.
So ist zum Beispiel gerade das Ausreiten über Stock und Stein ein hervorragendes Faszientraining, weil dabei ständig neue Reize gesetzt werden und insgesamt viel Bewegung stattfindet.
Wer zusätzlich die klassische Skala der Ausbildung – Takt, Losgelassenheit, Anlehnung, Schwung, Geraderichtung und Versammlung – konsequent erarbeitet, ist ohnehin auf einem sehr guten Weg.
Wichtiger als Faszientraining: Dem Pferd nicht im Wege stehen
Unsere Pferde bewegen sich von Natur aus tensegral. Sie brauchen dabei keine Hilfe. Wir müssen lediglich darauf achten, ihnen nicht im Wege zu stehen.
Typische Hindernisse sind:
- Schlaufzügel.
- Zu viel und dauerhafter Kontakt. (Gerade im Spitzensport sieht man das leider häufig. Kleiner Tipp: Wenn ein Pferd schmerzbedingt das Maul aufreißt, stimmt etwas nicht. Kinder erkennen das oft sofort. Manche Medaillenträger auf hochgezüchteten Sportpferden scheinen dieses Gespür leider verloren zu haben.)
- Das noch immer verbreitete Prinzip “vorne ziehen, hinten treiben”.
- Verspannte Reiter. Ist der Reiter fest, überträgt sich seine Steifheit unmittelbar auf das Pferd.
Die Ausbildung des Gespanns braucht Zeit und Geduld
Es braucht Jahrzehnte, ein Gespann auszubilden – und fertig wird man ohnehin nie.
Klug ist, wer nicht ständig nach Abkürzungen sucht und jedem neuen Trend der Branche hinterherrennt.
Auch das sogenannte Tensegrale Training sollte daher eher als neuer Begriff für ein altes Ziel verstanden werden. Die Übungen sind im Kern dieselben geblieben: Das Pferd gesund zu reiten.
Und so hat auch das Tensegrity-Training letztlich nichts Neues zu bieten. Eine einfache Bildersuche zeigt fast immer ein Schulterherein – leider oft überstellt. Eine Übung, die seit Jahrhunderten und vermutlich schon deutlich länger praktiziert wird.
Ob Xenophon, de Pluvinel, La Guérinière, Steinbrecht oder ein moderner Trainer: Die Namen und Erklärungsmodelle haben sich geändert. Die Biomechanik des Pferdes nicht.
Daher möchte ich Euch ermutigen, Eurer Reitlehrerin oder Eurem Reitlehrer zu vertrauen. Wenn er oder sie kompetent ist, fair mit dem Pferd umgeht und Euch verständlich unterrichten kann, besteht kein Grund zu wechseln oder jedem neuen Trend hinterherzulaufen.
Auch wenn es schwer zu akzeptieren ist: Der lange Weg ist der kurze Weg. Abkürzungen gibt es nicht.
In diesem Sinne darf ich mich auch noch mal bei meiner tollen Reitlehrerin Ece Lara Kube bedanken, die seit vielen Jahren viel Geduld mit meiner Passa und mir zeigt 😁 und mit uns in ganz kleinen Schritten langsam und mit Konzept das gesunde und faire Reiten erarbeitet.
